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krimirezension ab 2003-2013

 

Sandra Lüpkes
"Das Hagebutten-Mädchen"
Rowohlt TB Mai 2004
ISBN 3-499-23599-4
7,90 €

Mörderisches Porträt: Insel Juist

von Barbara Keller


März, Inseltreffen auf der ostfriesischen Insel Juist. Nach einer durchzechten Nacht liegt Kai Minnert tot in den Auslagen seines Antiquitätengeschäftes: erstickt. Der illustre Inselschwule hinterlässt einen hysterischen, trauernden Freund und ein Schifferklavier, das plötzlich spurlos verschwunden ist. - "Das Hagebutten-Mädchen" - ein kriminell fiktives Porträt der Insel Juist.

Da wünscht sich mancher hin. Auf die Insel. Abgeschiedenheit, Ruhe, klare Luft. Auf den ostfriesischen Inseln sind diese Qualitäten zu haben. Ohne Frage. Darüber hinaus gibt es für den Ortsansässigen aber auch Alltag und Routine. Der peinigend akkurate, karrierebewusste Polizeibeamte Axel Sanders kann davon ein Lied singen. Er ist zur Beförderung lobversetzt auf die Insel Juist. Zum Bundesgrenzschutz soll es gehen.

Die betuliche Provinz hinterlässt bereits seine Spuren bei Sanders. Er liebäugelt mit Trunk und Vergnügen. Und: der pedantische Statistiker beginnt, seiner bisher verkümmerten Intuition zu folgen. Die ist allerdings auch gefragt, als der Antiquitätenhändler Kai Minnert tot in den Auslagen seines Geschäfts gefunden wird.

Es ist Frühling, Juist das Ziel eines Inseltreffens. Jeder der Inselbesucher kann - natürlich neben den Anwohnern - der Täter sein. Axel Sanders erhält Verstärkung aus Aurich. Seine Ex-Chefin Wencke Tydmers (33), die seit kurzem das Ticken ihrer biologischen Uhr in Schrecken versetzt. Tydmers sperrt die Insel Juist. Für 24 Stunden kann niemand den Tatort verlassen.

Nun beginnen die Ermittlungen des ungleichen Beamten-Paares. Ermittelt wird unkonventionell, auf einer Vergnügungsfahrt. Die Pferdekutsche umfunktioniert zum Polizeipräsidium. Alkohol als Mittel der psychologischen Gesprächsführung. Vor Tydmer und Sanders breitet sich eine Insel-Chronik von Klatsch und Tratsch aus.

An dem kruden Beziehungsleben der Familie Wortreich-Kreuzfeldt findet die Motiv- und Tätersuche der Ermittler schließlich reichlich Nahrung. "Beste Freundinnen", die Wand an Wand leben und dennoch ahnungslos Ehemann und Geliebten teilen. Ein altes Beziehungsdrama, das noch immer die Gemüter gewisser Familienmitglieder aufwühlt.

Aber auch die sexuelle Orientierung des Mordopfers gibt Grund zur Recherche. Und dann ist da diese Heimlichtuerei um ein altes, verstimmtes Schifferklavier, auf dessen Klangkörper das Hagebutten-Mädchen abgebildet ist.

"Das Hagebutten-Mädchen" ist alles andere als ein spektakulärer Mordfall. Kein Mord, der per Definition "aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln …" (§211 StGB) geschah. Der Kriminalroman schildert vielmehr das Zufällige, Peinliche, Verrutschte, das aus einer Summe "ganz normaler" Persönlichkeitsschwächen eine Tragödie werden lässt.

Sandra Lüpkes portraitiert den gordischen Knoten des Beziehungsgeflechts einer Inselpopulation. Inwieweit sie damit die Insel Juist, auf der sie selbst ihren Wohnsitz hat, selbst skizziert, bleibt dahingestellt. Über die Zufälligkeit der Personen- oder Ereigniswahl ist in einem Vorab des Krimis nichts gesagt. Die Leserin, der Leser erkunde das Stimmungsbarometer hierzu vor Ort.


Sandra Lüpkes, geboren 1971, hat lange Zeit auf der Insel Juist gelebt und wohnt jetzt in der ostfriesischen Stadt Norden. Sie arbeitet als freie Autorin und Sängerin, ist Mitglied im Syndikat und bei den Sisters in Crime.



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