Als Junior-Consultant organisiert der Protagonist Büroservicecenter-Office-Management-Seminare. Diese sind so schrecklich, wie sie klingen, und deshalb lädt er öfter fiktive Experten dazu ein, um dann mit deren Absage zum aktuellen Seminar und der Re-Organisation eines neuen Seminars mit einem neuen Experten die nächsten Wochen totzuschlagen. Lieber verbringt er seine Zeit im Hallenbad, wobei die Gymnastikerinnen mit ihren Schaumstoffschlangen und die Taucher in ihren schwarzen Neopren-Anzügen, mit Sauerstofflaschen und Taucherbrillen in ihrer Geschäftigkeit nicht weniger absurd wirken als Abteilungsleiterin Kain, die ihre Wordings, Papers und Messages mittels ihrer Zitatewebsite perfektioniert.
Vivien, die Frau des Protagonisten, ähnelt in ihrem Ehrgeiz und ihrer Tüchtigkeit all diesen hyperaktiven Leuten und außerdem hasst sie den Geruch von Chlor. So verschweigt ihr der Ich-Erzähler, dass er von seiner Firma "freigestellt" wurde und mittlerweile die ganze Arbeitszeit im Hallenbad verbringt. Während dort über die elektronische Anzeigentafel rote Lettern blinken und verkünden, dass ein Bademeister gesucht wird, macht er sich Gedanken über die Nutzlosigkeit bloßen Schauens. Natürlich fragt er sich auch, "wie Vivien reagieren würde, wenn ich ihr erzähle, dass ich zum Bademeister befördert wurde." Aber: "Für mich kommt die Stelle nicht in Frage. Der professionelle Blick des Bademeisters würde mir mein Vergnügen als Zuschauer sofort verleiden."
Der Protagonist liebt es, in der Kantine zu sitzen, die sich auf einer Höhe mit dem Schwimmbecken befindet, und durch die Bullaugen die Bewegungen der gelblich schimmernden Gliedmaßen im Blau des Wassers zu verfolgen. Ähnlich schemenhaft zieht "das wirkliche Leben", vor allem die zunehmende Krise mit Vivien, an ihm vorbei. Wenn das Schwimmbad einmal geschlossen ist, besucht er das Aquarium und beobachtet die Fische. Sein erstaunliches Wissen über Haie, Quastenflosser, Zahnwale und das Leben am Meeresgrund entspringt seiner frühen Leidenschaft für das Element Wasser, doch natürlich hat er mitnichten Meeresbiologie studiert, sind es doch eher die Mythen der Meeresvölker, die ihn faszinieren als die zielgerichtete Umsetzung planvoll erworbener Erkenntnisse.
Die Nutzlosigkeit als Voraussetzung von Vergnügen ist überhaupt Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz und im Sog seiner präzisen Beobachtungen versinkt der Leser in diesem Hochgesang der Verlangsamung und Passivität. Doch mit feiner Ironie hält der Autor der Regression seines Protagonisten ebenso einen Spiegel vor wie den geballten Ambitionen der Aufstiegsneurotiker. Die heiter-melancholische Sprache dieser Prosa zielt auf die Bedürftigkeit der einen wie der anderen.
Gelichs Aussteiger ist jedoch kein harmloser Sonderling, kein komischer Kauz, dafür interessiert er sich zu sehr für die Welt, in der er lebt, bloß kitzelt er aus ihrer Banalität und Alltäglichkeit kein "romantaugliches Material", kein Vater-Sohn-Drama, kein Mutter-Sohn-Drama, keine Vergangenheitsbe- und keine Gegenwartsüberwältigung. Es passiert nicht viel, das ist tragisch genug.
"Ich betrachte das Graffito auf der Plakatwand neben dem Schriftzug der Handy-Werbung: ÖSTERREICH HALTS MAUL! Das Graffito versüßt mir diesen Montagmorgen und ich stelle fest, dass mir das Wort Österreich überhaupt keine Vorstellung von dem Ort vermittelt, an dem ich lebe. Mir ist das Wort Österreich nicht nur gleichgültig und fremd, ich weiß auch nicht, was es bedeuten soll."
Anstelle eloquenten Heimatbeschimpfungsfurors ein wacher Sinn für Situationskomik. So funktioniert der ganze Roman, der ob seiner leisen Töne besticht und es mit wenigen Sätzen schafft, vielschichtige Geschichten zu erzählen und aus einem erstaunlichen und Staunen erregenden Wissens- und Stoffpotential zu schöpfen. Diesem spektakulär-unspektakulären Duktus entspricht natürlich kein Ende mit Donnerschlag: Die Wendung zum Happyend erfolgt zwar etwas plötzlich, doch ist sie nicht ohne Charme in ihrem Anliegen, der Jagd nach Erfolg endgültig den Garaus zu machen und der Liebe unter Quastenflossern eine weitere Chance zu geben.
"Chlor" ist der erste Roman von Johannes Gelich, der bisher Kurzprosa, Reportagen, Essays, mehrere Hörspiele und eine Novelle veröffentlichte. Daneben war er als Herausgeber von Anthologien mit rumänischer und moldawischer Gegenwartsliteratur tätig.
"Chlor" ist der erste Roman von
Johannes Gelich, der bisher Kurzprosa, Reportagen, Essays, mehrere Hörspiele und eine Novelle veröffentlichte. Daneben war er als Herausgeber von Anthologien mit rumänischer und moldawischer Gegenwartsliteratur tätig. "Johannes Gelich, geboren 1969 in Salzburg, studierte Theaterwissenschaft und Germanistik, danach war er zwei Jahre Lektor in Iasi (Rumänien). Der Autor lebt in Wien."
(sagt der Droschl Literatur Verlag)