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Stephan Harbort
"Das Serienmörder-Prinzip"
Droste Sachbuch 10.2006
ISBN: 3-7700-1221-6
18,95 €

Serienmord macht potent!

von Barbara Keller


Seit mehr als drei Jahren publiziert der renommierte Serienmordexperte Stephan Harbort jährlich ein Buch über das unschöne Phänomen Serienmord. So widmete sich Harbort in den beiden vorausgegangenen Jahren ausgiebig dem Ruhrpottmörder Joachim G. Kroll sowie den Düsseldorfer Liebespaarmorden (beide in den 50er Jahren Wirtschaftswunder). Jetzt fasst der Profiler die Frucht seiner Studienergebnisse aus 15 Jahren intensiver Arbeit, darunter Interviews und Briefwechsel mit 53 Tätern, in einem Buch zusammen: das siebenphasige Serienmordprinzip.
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Stephan Harbort will vor allem eins: erkennen und aufklären. Das stellt der Autor in seinem Vorwort engagiert voran. In den Medien würde das Thema durch emotionalen Budenzauber in der Regel mystifiziert und vernebelt. Ja, selbst in der Fachwelt herrschten bisweilen seltsam diffuse Vorstellungen über die Motivation der Täter.

Als Mann vom Fach, der direkt an die Quelle und in die Hochsicherheitstrakte deutscher Gefängnisse ging, bringt Stephan Harbort nun Licht ins Dunkel der blutigen Gemengelage - mit seinem siebenstufigen Serienmordprinzip. Untermauert mit zahlreichen Beispielen aus der grausigen Realität und den Eigenerklärungen der Täter sucht Stephan Harbort die Genese des Serienmörders zu erklären. Ein Modell, das auf alle passt. All in one, sozusagen.

Nach Harborts Siebenstufenmodell beginnt das Drama des Serienmords mit einem Schlüsselerlebnis. Freilich erst nach einer unschönen Kindheit, zum Beispiel mit "Prügelpädagogik", die zuweilen eine hirnorganische Schädigung begleitet. Die Fehlentwicklung nimmt, gekoppelt an Gewaltfantasien, seinen Lauf. Der werdende Juniortäter ist entweder überangepasst oder das genaue Gegenteil.

In Phase Zwei redet sich der baldige Täter seine gesellschaftlich geächteten Vorstellungen schön. Und er freut sich schon auf die Praxis. In Phase Drei schaltet sich das Gewissen peu á peu ab und es gibt erste dilettantische Probeläufe. Die 'psychischen Abwehrkräfte erlahmen', heißt es, 'die latente Tatbereitschaft nimmt zu'.

In der vierten Phase geht's dann los. Je nach Tätertemperament wird vorgegangen: planvoll oder spontan. Das Ziel? Stephan Harbort bringt es auf die Formel: Mord=Macht=Erfolg=Glück. Ja, und weil beim ersten Mal natürlich alles danebengeht, muss erfolgsorientiert eine weitere Tat nachgeschoben werden.

Nachgeschoben aber auch, weil die Phase Fünf des Models, Reflexion und Genuss an der Erinnerung, bald ihre Attraktivität verliert. Reiz, Drang oder Zwang treiben den Mörder zu einem zweiten Mord. Mit fortschreitender Werteverschiebung und der Tötungsgewöhnung, wandelt sich der Gelegenheitsmörder zum Serientäter. Voilà!

Was sagt uns das nun? In der Praxis bedeutet das vor allem: eben kein festes Täterprofil, kein Opferprofil, an dem sich potenzielle Opfer (in der Regel Frauen und Kinder) orientieren könnten. Als Opfer passt man, ob glücklich oder unglücklich, hässlich oder von blendender Schönheit, mehr oder weniger ad hoc ins Täterprofil oder nicht.

Zum Opferverhalten sei ein minimaler Lichtblick offeriert: Mitmachen verdirbt dem Täter mit etwas Glück den Spaß. Denn der in Serie mordende Vergewaltiger beispielsweise will keinen Sex, sondern demütigen. Es geht um Macht und Kontrolle. "Mord macht potent", so Stephan Harbort. Die Lawine Zerstörungsrausch stoppt indessen möglicherweise auch, wenn es gelingt, die Anonymität aufzuheben und eine menschliche Regung beim Täter zu provozieren. Garantiert tödlich dagegen ist: Panik, lähmende Angst nicht nur zu haben, sondern auch zu zeigen.

Überraschen wird vor allem die Leserin, dass unter der männlichen Spezies das Spannen nicht wenige Liebhaber hat. So traf Serienmörder Achim Kern, der Nähe Aachen, Düsseldorf vor Kinderzimmern spannte mit der Absicht, einzusteigen und kleine Mädchen zu missbrauchen, auf seinen nächtlichen Streifzügen auf andere Schlüssellochgucker. Mit denen er später auch zusammen im Duo loszog.

Seltsam ist, dass Stephan Habort nicht auch die Geschlechtsspezifik des Phänomens Serienmord in seinem Buch thematisiert. So möchten beispielsweise die aufgeführten Mehrfachmörderinnen und Giftmischerinnen Christa Lehmann und Martha Flecken nicht recht in das Siebenstufenmodell passen.

Genussvolles Demütigen, Spaß an der Macht, sexualisierte Gewalt, Wiederholungszwang: das mag auf Frauen, die sich ein Beziehungsproblem mit Pflanzenschutzmittel im Nachtisch entledigten, nicht recht passen. – Übrigens auch nicht auf den überforderten Pfleger und mehrfachen Patientenmörder sowie die orientierungslose Mutter, die ihre Kinder tötet.

Es sei Stephan Habort zur Ehre gereicht, dass er - sicher auch als Selbstschutz – den Menschen, als meistenthemmtes, gefährlichstes Tier des Planeten, der in männlichen Streunertrupps mit eben jener sexualisierten Gewalt in rauschhafter Macht- und Demütigungswut auf leichte Beute der eigenen Art losgeht, nicht gelten lassen will. – Wie (sic!) übrigens ganz richtig der ihm im Sozialverhalten zwillingshaft verwandte Menschenaffe Schimpanse.

Aber wer auf dem Leichenfeld vor Verdun in den geladenen Gewehren der getöteten Soldaten ein Zeichen der Tötungshemmung eines Großteils der Soldaten sehen möchte, sollte auch das Phänomen Massenvergewaltigung und das des rauschhaften Abschlachtens von Wehrlosen (nicht nur im Krieg) nicht aus dem Auge verlieren.

Fazit: Ein sehr interessantes und diskussionswürdiges Buch, das – wie hier zu lesen - thematisch weit über seinen Stoff hinausreicht.


Zur Biografie des Kriminalisten und Autors Stephan Habort hier...


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Stephan Harbort: Das  Serienmörder-Prinzip
Buchpremiere:
Barbara Keller, Sieht so eine Mörderin aus?
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