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Gerichtsreportagen


Ebay-Nepp 'schön gerahmt'


von Barbara Keller

2.11.2010 | Amtsgericht Tiergarten, Abt. 216
'Dummheit gehört bestraft' muss der aus Dresden gebürtige Baden-Württemberger Tom S. (28) wohl gedacht haben, als er vor rund fünf Jahren begann, auf der Internetplattform Ebay dreist gehypte, doch offenbar durchweg wertlose Bilder an den Mann zu bringen. Was an sich nicht strafbar und höchstens moralisch anrüchig wäre. Doch Tom S., der sich selbst in Wort und Bild gern in die Öffentlichkeit bringt, soll noch etwas darüber hinaus getan haben. Er agierte, so die ermittelnden Behörden, auf Ebay mit mindestens zehn Accounts, bot auf eigene Bilder und wertete diese mit selbst gefertigten 'Nachlassstempeln' auf. Jetzt ist er am Amtsgericht Tiergarten wegen Gewerbsmäßigen Betrugs und Urkundenfälschung angeklagt...
Bericht vom 30.11.2010 (mit Urteil)
Bericht vom 11.07.2011 (Berufungsverfahren mit Urteil)
Staatsanwaltschaft ging in Revision!


Mindestens zwei seiner besten Maler soll der 'Galerist' einfach erfunden haben, um die von ihm selbst gemalten Bilder den Käufern schmackhaft zu machen. 'Ernst Cuno (1901-1986) - Mit Nachlassstempel!!!', 'Ernst Cuno (1901-1986) - Akt auf Bett - Ansehen!!!' oder 'Ernst Cuno (1901-1986) - Abstraktes Auge' annoncierte im März 2008 der abgebrochene Jurastudent. Dabei soll es einen Maler Ernst Cuno ebenso wenig geben haben wie einen Joe Kapingo, Jahrgang 1938. Letzterer ein gebürtiger Berliner und nach Auskunft des Tom S. ein 'deutsch-amerikanischer Abstrakter'.

Die Bilder malte der damals in Konstanz ansässige Ebayer laut Klage der Staatsanwaltschaft Bückeburg selbst und stellte eine frei erfundene Vita des Maler-Phantoms bei Wikipedia ein. Im Literaturnachweis soll es geheißen haben: 'Tom S., Werksverzeichnis, Ernst Cuno Archiv 2006-2007 Schaumburg'. Zu den bislang genannten Vorwürfen wird sich Tom S. ab Januar 2011 vor dem Landgericht Bückeburg zu verantworten haben.

Wertlose Blüten aufgepeppt

Seit dem 5. Oktober 2010 ist der 28-Jährige, der während seines Wirkens als Ebay-Kunsthändler in Konstanz, Thüringen und Schaumburg auch 2005 in Berlin wohnhaft war, vor dem Amtsgericht Tiergarten angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, zwischen Sommer 2004 und Frühjahr 2005 diverse Bilder mit gefälschten Nachlassstempeln sowie falschen Zuschreibungen berühmter Künstler versehen und auf Ebay verkauft zu haben. Darunter Bilder von 'Paul Cézanne', 'Gustav Klimt', 'Ludwig Kirchner', 'August Macke' und 'Amedeo Modigliani'.

Marcus Sch. (42), Berliner Kriminalbeamter und leitender Ermittler, referiert am dritten Tag der Hauptverhandlung aus dem 34-seitigen Bericht: "Tom S. bot auf Ebay nahezu 100 namhafte Künstler an." Unter den Ebay-Pseudonymen wie 'easyart', 'artberlin', 'euroart', 'tia.art' und 'suzuki250' inserierte der Angeklagte Bilder, die er auf Haushaltsauflösungen oder anderweitig geramscht hatte, wertete sie laut Anklage mit den falschen Insignien auf und kassierte dafür nicht unerhebliche Summen.

Egon Schiele unter der Wickelkommode

Unzufriedene Kunden gab es jedoch erst, als die Kripo den Nepp durch einen Zufall aufdeckte. Tom S. bietet Anfang 2005 offenbar unwissentlich ein gestohlenes, echtes Bild zum Kauf an. Stuttgarter Ermittler werden darauf aufmerksam und informieren die zuständige Berliner Dienststelle. Bei einer Hausdurchsuchung wegen des Verdachts der Hehlerei finden sich neben dem gestohlenen Kunstwerk aber auch zahlreiche Blüten. "Wir fanden einen Egon Schiele unter der Wickelkommode, eine Käthe Kollwitz, eine Kassette mit dem Stempel 'Nachlass Ludwig Kirchner'", zählt Marcus Sch. auf.

Auf Amtsersuchen sandte das Ebay-Portal der Berliner Kripo die Daten ihres Kunden. Danach verkaufte Tom S. unter anderem einen Lesser Ury (520,-- Euro), Max Liebermann (945,-- Euro), Käthe Kollwitz, Otto Dix, Claudio Goldoni, eine Munchzeichnung, einen Dürer für 19,50 Euro, Paul Gaugin (405,-- Euro), einen Franz Marc, Paul Cézanne, Paul Klee und einen Ludwig Kirchner für 4.550,-- Euro.

Ich war zufrieden, bis die Polizei kam

"Ich bin in meiner Naivität davon ausgegangen, dass das echt ist", erklärte einer der Käufer am 26.10.2010 dem Gericht und: "Ich war ja auch zufrieden, bis die Polizei kam." Zwei Kohlezeichnungen von Kirchner erwarb der pensionierte Berliner Kaufmann im Juni 2004 von 'tia.art', alias Tom S. "Original-Kohlezeichnung mit Nachlassstempel" hatte es in der in Englisch gehaltenen Annonce geheißen sowie: "Ich konnte das Bild nicht prüfen lassen, halte es aber für echt."

Für diese beiden Zeichnungen, ein Akt und eine Straßenszene, sowie einen später von 'suzuki250', alias Tom S., erworbenen August Macke zahlte der geneppte Kunstliebhaber insgesamt 3.426,-- Euro. Als der Zeuge dem Gericht erklärt, "Ich habe das Geld von Herrn S. zurückbekommen", nickt der Angeklagte selbstzufrieden. Doch auf Nachfrage des Vorsitzenden Richter stellt sich heraus, dass der Pensionär sich das Geld über ein Zivilverfahren und den Gerichtsvollzieher erkämpfen musste. Drei Jahre nach dem dubiosen Kauf erhielt er sein Geld als Ergebnis eines Vergleichs zurück. Er sagt: "Ich wollte nur noch mein Geld zurück und nach Hause."

Tom S., der die Tatvorwürfe bestreitet, reagiert verärgert: "Das liegt daran, weil Sie gleich mit Kanonen auf Spatzen geschossen haben. Hätten Sie sich gleich gemeldet, hätte ich ohne Drum und Dran gezahlt." Auch Burkhard P. (42), der extra aus der Pfalz angereist ist, um seine Aussage zu machen, hält der Angeklagte vor: "Hätten Sie sich damals gemeldet, hätten Sie Ihr Geld wiederbekommen." "Moment!", schiebt Tom S. nach, "Ich schreibe mir Ihre Adresse auf. Ich werde Sie entschädigen. Auf Kulanz. Das ist kein Schuldeingeständnis!"

Ein Gustav Klimt für 245 Euro

Burkhard P., Vertriebsleiter einer Agentur im Nettetal, blickt skeptisch. Die Studie von Gustav Klimt, die er im Dezember 2004 von 'euroart', alias Tom S., für 245,-- Euro ersteigerte, hielt er für einen Glücksfall. Er sagt: "Ich habe das Bild für echt gehalten. Es hängt immer noch, schön gerahmt, an der Wand. " Doch nachdem er Ende 2004 glücklicher Meistbietender des Bildes geworden war, ließ die Sendung zunächst auf sich warten. Erst auf Nachfrage soll der säumige Verkäufer die Ware geschickt haben.

Was ein Laie meint, tun zu können, um die Echtheit des Bildes abzuklären, hat Burkhard P. unternommen. Er verglich Zeichnungen des Malers mit der angebotenen Ebay-Ware und auch den Nachlassstempel. "Gustav Klimt, 1862-1918, Studie aus dem Skizzenbuch mit Nachlassstempel", hatte es in der Offerte geheißen. Es lägen keine weiteren Dokumente zu dem Bild vor. Das Alter sei aber geprüft. Der Zeuge sagt: "Derartige Bilder werden zu 5-stelligen Summen verkauft."

Die Berliner Sachverständige Dr. Sigrid A. (65), die ebenfalls ihre Aussagen am 26.10.2010 macht, glaubt nicht, dass ein Kunstkenner auf diese Surrogate hereingefallen wäre. Sie hat drei Zeichnungen und ein Skizzenbuch (17 Blätter) von 'Paul Cézanne' zu bewerten, die sich bei einer der beiden Hausdurchsuchungen in der Wohnung von Tom S. fanden und von denen zwei über den digitalen Auktionstisch gingen. Die Sachverständige wird nicht müde, sie in allen Variationen von 'grottenschlecht' zu beschreiben.

Der große Unbekannte

Ein Cézanne-Kenner hätte gewusst, dass seit dem Ableben des Künstlersohnes Paul keine Zeichnung mehr auf den Kunstmarkt gekommen ist. Von den 16-18 Skizzenblöcken, die existierten, sind alle Zeichnungen einzeln versteigert worden. Würde jetzt ein Skizzenbuch Cézannes auftauchen, wäre das eine Sensation, erklärt Dr. Sigrid A. Sie sagt: "Ich meine, die Leute sind reingetappt, weil sie es nicht anders wussten."

"Es geschah am hellichten Tag", möchte man sagen. Viel Mühe hat sich der 'Fälscher' nicht gegeben. Tom S. behauptet, damit nichts zu tun zu haben. Am 26.10.2010 fragt der Vorsitzende Richter den Angeklagten neugierig: "Wie sind Sie denn an das Bild herangekommen?" Und meint damit den falschen Gustav Klimt. Tom S. verteidigt sich: "Ich war erst 22 Jahre alt. Ich habe es von einem anderen bekommen. Woher sollte ich denn das Fachwissen haben? Ich bin damals genauso gelinkt worden..." Der Richter unterbricht ungeduldig. Er fragt, "Können Sie uns einfach mal den Unbekannten nennen?" Doch nein, das will Tom S. erst einmal nicht.

Mir tut niemand Leid...

Was Tom S. von seinen Kunden und von fairen Geschäften hält, hat er in der arte-Sendung "Große Meister, leichte Beute" vom 19.2.2009 bereits klar gesagt: "Mir tut niemand Leid, der einfach mal so einen fünfstelligen Betrag auf'n blauen Dunst hin aus der Tasche zieht." Unbesehen seien auf die Weise ein Bild für 700,-- Euro und eines für 11.000,-- Euro über den Tisch gegangen. "Selbst wenn es sich um eine Fälschung handelt", erklärte er weiter, "gibt es keine Opfer. Es (das Bild, d.A.) bekommt eine Geschichte. Irgendwo letztendlich, wenn er (der Käufer, d.A.) das Glück hat, es weiterzuverkaufen, kann er viel, viel Geld verdienen damit. Wenn er Pech hat, das Geld zu verlieren, dann ist es sein Risiko, was er eingeht. Das ist einfach 'ne spekulative Geschichte."

Wohin der Prozess geht, weiß derzeit wohl keiner der Prozessbeteiligten. Das Gericht hat acht Termine für diesen Prozess angesetzt, den letzten am 14. Dezember 2010. Tom S., der sich einen Monat später auch vor dem Bückeburger Landgericht verantworten wird, wirkt bereits jetzt leicht überfordert. Die Opferrolle, die ihm in Bückeburg in den Schoß fiel, findet in Berlin keine Nahrung. Rechtsanwalt Roman von Alvensleben, der Tom S. gemeinsam mit einem Pflichtverteidiger vertritt, zuckt gelassen mit den Schultern. Er sagt: "Wir haben einen selbstbewussten Mandanten." So kann man es auch sehen.

Der Prozess wird am 9.11.2010, Saal 101 mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt. Erwartet werden unter anderem der Käufer eines 'Spitzweg', ein Sachverständiger aus dem Käthe Kollwitz Museum.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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